STRIPES Vol. 2

Stimmen von Expert:innen: IGNITE! Publishing – Die Kampagne 

Wegbrechende Zielgruppen,wachsende Medienkonkurrenz, und das inmitten der digitalen Transformation – die Verlagsbranche steht unter einem erheblichen Anpassungsdruck. Über ihre Zukunft entscheidet in erster Linie die Innovationsfähigkeit bei Geschäftsmodellen, Produkten, Marketing und Vertrieb. Doch in der Praxis der Verlage, zwischen Backlist und Big Data, Kulturvermittlung und KI-Challenge, sind Innovation und Veränderungen oft schwierig zu realisieren.  

Die Content-Kampagne „IGNITE! Publishing“ von Zebralution Digital Publishing und dem DIGITAL PUBLISHING REPORT soll Verlagen innovative Impulse auf dem Weg in die Zukunft geben. Wir laden Innovator:innen ein, ihr Wissen und ihre Erfahrungen zu teilen. 

Die Kampagne besteht aus: 

  • Dem IGNITE! Publishing-Podcast, in dem nationale und internationale Vertreter:innen aus dem Publishing und aus angrenzenden Branchen ihre Ideen und Konzepte vorstellen. Der Podcast wird moderiert von Albrecht Mangler, Director Marketing Services Open Publishing / Bilandia (Zebralution Gruppe) und Daniel Lenz, Chefredakteur und Co-Geschäftsführer DIGITAL PUBLISHING REPORT. 
  • Dem IGNITE! Publishing-Channel, einem multimedialen Webmagazin, in dem wir, flankierend zum Podcast, zusätzliche Innovationsimpulse geben. 
  • Einem jährlichen Digitalevent, das in einem interaktiven Live-Format mit großer Reichweite für neue Ideen im Publishing sorgt. In diesem Jahr findet das Digitalevent im November statt. 

 Mehr Infos unter www.ignite-publishing.de


Carsten Schwarz, Vertriebsleiter KIDDINX

„Internationalisierung beginnt bei uns mit der Definition des Markenkerns“ 

Carsten Schwarz ist seit 2013 bei der KIDDINX Media GmbH beschäftigt und seit 2019 deren Vertriebsleiter. Seine Laufbahn begann er nach entsprechendem Fachstudium in der Tourismuswirtschaft. 
Die KIDDINX Media GmbH mit Sitz in Berlin gehört zu den führenden Anbietern von Kinder- und Familienunterhaltung in Deutschland. Mit Kultfiguren wie Bibi Blocksberg, Benjamin Blümchen und Bibi & Tina freut und prägt KIDDINX seit rund 50 Jahren Generationen. Das Portfolio umfasst Hörspiele, Filme, Serien, Apps, Bücher sowie ein dynamisches Lizenzgeschäft. 

Eduardo Garcia, Geschäftsführer Atmende Bücher

"Wir übersetzen Klang"

Eduardo García ist Mitbegründer und Geschäftsführer von German Wahnsinn sowie Mitbegründer des Hörbuchlabels Atmende Bücher. Als Musikverleger, Tonmeister und Produzent entwickelt er seit den 1990er-Jahren kreative Audio-Konzepte. Er ist ein Pionier in der Hörbuchproduktion und hat an preisgekrönten Projekten wie der „Reckless“-Reihe von Cornelia Funke gearbeitet. 

Carlo Carrenho, Verlagsberater

“Versteht zuerst die Zielgruppe und 
entscheidet dann, welche Titel vorgestellt werden"

Carlo Carrenho ist ein in Schweden ansässiger Verlagsberater mit fast 30 Jahren Erfahrung in der globalen Buchbranche und einem starken Fokus auf Audio. Er gründete die Branchenplattform PublishNews in Brasilien und Spanien, war Mitgründer des brasilianischen Audiobuchunternehmens Pop Stories, ist Partner bei StreetLib und leitet derzeit die internationale Geschäftsentwicklung bei Dreamscape Media in den USA. Carlo hatte außerdem leitende Positionen bei mehreren Verlagen inne und war 2023 und 2024 Audio Ambassador auf der Frankfurter Buchmesse. 

„Internationalisierung beginnt bei uns mit der Definition des Markenkerns“ 

Internationalisierung klingt nach Skalierung im Höllentempo und automatisierter Übersetzung – im Kinderhörspielmarkt ist sie eher ein Präzisionsjob. 

Carsten Schwarz zeigt, welche Kompetenzen Verlage brauchen, wenn Redaktion, Produktion, Rechte und Vertrieb wirklich zusammenarbeiten sollen: Plattformlogiken verstehen, Content pro Markt geschickt kuratieren und Markenkerne so definieren, dass die Character, mit denen Kinder sich identifizieren sollen, auch jenseits des DACH-Raums konsistent bleiben. Dazu kommen heikle kulturelle Feinheiten, die sich nicht einfach in den Metadaten abbilden lassen, sowie Ressourcenallokation, die bis zu Casting, Sounddesign, Titeln und Cover-Entscheidungen reicht. 

Und dann steht da noch die nächste Wette im Raum: Was passiert, wenn Audio und Bewegtbild enger zusammenrücken – und welche Marke profitiert zuerst davon? 

Welche Kompetenzen brauchen Verlage für eine ganzheitliche internationale Strategie?

Internationalisierung im Hörspielmarkt funktioniert nur, wenn Redaktion, Produktion, Rechte und Vertrieb eng verzahnt sind. Entscheidend sind ein tiefes Verständnis für Audio-Plattformen und deren Datenlogiken sowie echte Lokalisierungsexpertise, die über reine Übersetzung hinausgeht. Gerade bei starken Marken wie Benjamin Blümchen, Bibi Blocksberg oder Bibi & Tina müssen Markenkern, Tonalität und Qualitätsstandards klar definiert sein, damit sie international konsistent, aber trotzdem marktnah ausgespielt werden können.

Wichtig ist außerdem die Fähigkeit, Content-Pakete pro Markt sinnvoll zu kuratieren – nicht alles funktioniert überall gleich gut. Wir haben uns z. B. im ersten Schritt für den englischsprachigen Markt entschieden und die beiden Marken Benjamin Blümchen und Bibi & Tina dort mit einer Auswahl von Folgen platziert.

 

Welche Rolle spielen agiles Arbeiten und agiles Führen im internationalen Kontext?

Im Hörspielmarkt ist der Begriff „Agilität“ nur eingeschränkt übertragbar. Unsere Inhalte werden digital vertrieben, meist auf denselben internationalen Plattformen, auf denen auch die deutschen Hörspiele verfügbar sind. Das bedeutet: Wir führen keine internationalen Teams über Ländergrenzen hinweg. Auch agiles Arbeiten ist bei Hörspielen nur begrenzt möglich. Ein Hörspiel lässt sich nicht schnell iterieren oder nachträglich anpassen – es ist ein abgeschlossenes, aufwendig produziertes Werk mit festen Sprechern, Musik und Dramaturgie. Anders als im Buchbereich oder bei digitalen Textformaten können Inhalte nicht kurzfristig verändert werden.

Unser Ansatz ist daher ein anderer: Wir versuchen nicht, Inhalte ständig neu anzupassen, sondern machen die deutschen Originale von Benjamin Blümchen oder Bibi & Tina mit gezielten, sehr behutsamen Anpassungen international verständlich und attraktiv. Das bedeutet für uns vor allem kluge Auswahl, saubere Lokalisierung und ein genaues Verständnis dafür, welche Stoffe, Tonalitäten und Formate auch außerhalb des deutschsprachigen Marktes funktionieren.

Lost in translation? Stolpersteine der Internationalisierung

Was sind kulturelle Stolpersteine, die Publisher bei der Internationalisierung unterschätzen?

Im Kinderhörspiel werden kulturelle Unterschiede oft unterschätzt. Humor, Erzähltempo, Rollenbilder oder auch die Art, wie Erwachsene und Kinder miteinander sprechen, funktionieren international sehr unterschiedlich. Gerade bei dialogstarken Formaten wie Benjamin Blümchen oder Bibi & Tina ist Sprache zentral: Wortspiele, Lautmalerei oder Figurenbeziehungen lassen sich nicht eins zu eins übertragen. Wer das ignoriert, riskiert, dass eine eigentlich starke Marke emotional nicht ankommt. Zusätzlich werden oft praktische Faktoren unterschätzt: Metadaten, Alterskennzeichnungen und Cover-/Titel-Entscheidungen beeinflussen die Auffindbarkeit auf Plattformen massiv.

 

Wie gelingt eine Lokalisierung von Inhalten über die Sprache hinaus?

Lokalisierung beginnt bei uns mit der Definition des Markenkerns – was unverhandelbar ist und was nicht angepasst werden darf. Darüber hinaus können wir aber Sprechtempo, Casting, Sounddesign, Episodenauswahl, Titel und Cover an lokale Hörgewohnheiten anpassen. Wir kuratieren dabei gezielt Einstiegsfolgen, die ohne viel kulturelles Vorwissen funktionieren. Ein gutes Beispiel sind unsere Benjamin-Blümchen-Gute-Nacht-Geschichten auf Englisch: Hier haben wir bewusst ein Format gewählt, das international anschlussfähig ist und universelle Erzählmuster nutzt.

Innovationspotenziale

Worin liegen aktuell die größten Innovationschancen beim Thema Internationalisierung?

Eine große Chance liegt in der Verknüpfung von Audio und Bewegtbild. Wenn eine Marke visuell im Markt präsent ist, sinkt die Einstiegshürde für Audio deutlich. Deshalb entwickeln wir aktuell weitere Benjamin-Blümchen-Hörspiele zur CGI-Serie …

 

… also zur Computer-Generated-Imagery-Serie von 2025…

… und arbeiten an der englischen Übersetzung der deutschen CGI-Serie. Darüber hinaus sehen wir Innovationspotenzial in datengetriebenen Programmentscheidungen (Episodenauswahl, Packaging, Release-Taktung), in neuen Familien- und Ritualformaten sowie in ausgewählten lokalen Kooperationen, um unsere Marken international organisch wachsen zu lassen.

Herausforderung und Optimismus gehören dabei zusammen: Unsere Marken sind stark im deutschen Kulturraum verankert – genau deshalb müssen wir behutsam lokalisieren. Gleichzeitig sind die Figurenwelten so klar und emotional, dass wir überzeugt sind, Benjamin Blümchen, Bibi Blocksberg und Bibi & Tina international weiter etablieren zu können.

„Wir übersetzen Klang“

Manchmal beginnt Internationalisierung nicht mit einem Businessplan, sondern mit einer obsessiven Hörsession und dem Mut, einfach loszulegen. Eduardo García erzählt, wie sich ein kleines Indie-Setup Schritt für Schritt in einen operativen Alltag zwischen weltweiten Studios, klarer Wiedererkennbarkeit und echten Partnerschaften verwandelt hat. Im Zentrum steht dabei nicht „jetzt auch auf Englisch“, sondern die Idee, Klang und Inszenierung so zu übertragen, dass Audio-Branding über Grenzen hinweg funktioniert. Dazu kommen eine prominente Autorin und Gesellschafterin, ein bewusst begrenzter KI-Einsatz und ein Blick in einen Markt, der immer lauter wird. Die spannende Frage: Wo entscheidet sich, ob Masse gewinnt – oder Handschrift?

Was verbinden Sie als Digital-Indie mit „Internationalisierung“?

Eine Menge. Bereits vor acht Jahren waren wir als kleine kreative Guerilla-Zelle Pionier in diesem Bereich. Anfangs haben wir uns einfach auf US-Audio-Plattformen durch viele Hunderte Hörbücher gehört, um die richtige Stimme für uns zu finden, dann in New York ein Studio gebucht, nebenbei noch viel Spaß mit US-Sprechergewerkschaften gehabt und einfach losgelegt. Kurz darauf haben wir eine PR-Betreuung und einen US-Vertrieb vor Ort gefunden und landeten nur wenig später auf der Shortlist für den Digital Book World Award. Da auch Michelle Obama zeitgleich veröffentlicht hatte, durften wir den leider nicht mit nach Hause nehmen, aber die Nominierung war schon ein großer Meilenstein.

Fast forward: Heute haben wir ein etabliertes Studio- und Producer-Netzwerk, das wir über German Wahnsinn nutzen, und Internationalisierung ist unser operativer Alltag. Wir produzieren in Barcelona, Madrid oder Bogotá und São Paulo, auch mal in einer Live-Hörspiel-Schaltung mit zwölf Schauspieler:innen von Hamburg über Glasgow bis Maine und Los Angeles. Das ist wirklich ein großer Spaß!

Dabei ist es wichtig zu betonen, dass Internationalisierung für uns nicht einfach bedeutet „wir machen das jetzt auch auf Englisch, Spanisch oder Französisch“, sondern wir übersetzen Klang. Das „klingende Wort“, wie Cornelia es so schön beschreibt, gepaart mit unserer Art der Sound-Inszenierung, ist das, was uns als Indie in der Branche ausmacht und bei Konsument:innen für echte Wiedererkennung sorgt, Stichwort Audio-Branding.

In diesem Jahr veröffentlichen wir 6–8 internationale Titel und sind schon sehr gespannt, wo uns die Reise hinführt.

 

Cornelia Funke als Gesellschafterin: Wo hilft sie, Visionen wahr werden zu lassen und Türen zu öffnen?

Cornelia bringt zwei Superkräfte mit: Weltpublikum und künstlerische Konsequenz. Durch ihre immense internationale Vernetzung mit Kreativen verfügen wir über einen fantastischen Schatz, der uns natürlich Türen öffnet, aber vor allem auch Vertrauen schafft. Wir tauschen uns regelmäßig aus, entwickeln gemeinsam Ideen und gehen mutig an Projekte heran. So ist in einem einstündigen Call auch schon mal schnell das kreative Programm für das ganze Jahr besprochen.

Bekenntnis zum Boutique Publishing

Wie sieht Ihre Strategie zum Einsatz von KI aus?

Künstliche Intelligenz ist bei uns Produktionsbeschleuniger, nicht kreative Abkürzung. Wir nutzen sie derzeit da, wo sie Produktion smarter macht. Beispielsweise, wenn es um Barrierefreiheit, technische Optimierung sowie interne Workflows geht, oder auch als Problemlöser, wenn etwa jemand krank oder abwesend ist. Aber eben bewusst nicht für die eigentliche Erzählung oder das Hörspiel. Das wird sich bei Atmende Bücher auch nicht ändern. Schon vor drei Jahren haben wir für sehr kurzfristige Skriptänderungen zu Tintenherz 4 für kurze Passagen mit eigener KI gearbeitet – und das offen kommuniziert.

In meiner Funktion als Partner von German Wahnsinn und dem Bereich Markenstimmen sieht das natürlich etwas anders aus. Für unsere Arbeit als Audio-Agentur haben wir eigene spezialisierte Audiodeveloper im Haus, auf die wir zurückgreifen können, und sind so stets über die aktuellsten Entwicklungen informiert. Dennoch gilt strikt: keine Nutzung von den üblichen globalen Plattformen, Training nur mit Einwilligung – und wenn, dann auf unseren Servern im eigenen Rechenzentrum, technisch, rechtlich wie ethisch abgesichert.

 

Wo wird Ihr Markt in drei, fünf, zehn Jahren stehen – und was wird Ihre Position darin sein?

Zug um Zug wird sicherlich noch mehr „Audio-Masse“ entstehen – auch automatisiert. Unser Gegenentwurf bleibt der Fokus auf menschliche Exzellenz und Qualität: mit Boutique-Label und hochwertigen Produktionen, die international skalieren, ohne die eigene Handschrift zu verlieren.

Außerdem werden immersive Erweiterungen normaler werden, genauso wie Gamification und Serienlogik – und genau da fühlen wir uns richtig zu Hause.

“Versteht zuerst die Zielgruppe und entscheidet dann, welche Titel vorgestellt werden”

Auf den ersten Blick mag Audio wie eine einfache Distributionsveränderung wirken – auf Play drücken statt Seiten umblättern. Doch sobald die Geschichten in Pendlerfahrten, Workouts und Alltagsroutinen einziehen, verhält sich Aufmerksamkeit anders, und das erzählerische Handwerk muss sich entsprechend anpassen. In diesem Interview verbindet Carlo Carrenho Hörgewohnheiten mit der Art, wie Bücher geschrieben werden, „Übersetzung" mit echter Lokalisierung durch Verpackung, Plattformen, Auffindbarkeit, Erwartungen – und Technologie mit der menschlichen Arbeit, die internationales Wachstum erst möglich macht: Neugier, Reisen, Beziehungen und Bescheidenheit. Er argumentiert außerdem, dass die disruptivste Wirkung von KI möglicherweise nicht darin besteht, Englisch nach außen zu tragen, sondern kleineren Sprachökosystemen zu ermöglichen, in große Sprachen vorzudringen – und damit neu zu gestalten, was globale Zielgruppen zu hören bekommen.


Die Frage lautet nicht mehr, ob Audio Grenzen überwinden kann – sondern wer die kulturellen und operativen Regeln schnell genug erlernt, um die nächste Welle anzuführen.

Wenn man die rasante Entwicklung des Audiokonsums betrachtet: Wie verändert das Hören – im Gegensatz zum Lesen – die Art, wie wir Geschichten konsumieren?

Hören unterscheidet sich grundlegend vom Lesen als Art der Geschichtenvermittlung. Das bedeutet nicht, dass Hören nicht als Lesen gilt – das tut es –, aber es ist eine eigenständige kognitive und erfahrungsbezogene Form. Audio verändert nicht nur, wie wir Geschichten konsumieren, sondern auch, wie Geschichten geschrieben werden.

 

Ein wesentlicher Unterschied liegt in der Aufmerksamkeit. Audio wird typischerweise konsumiert, während man etwas anderes tut – pendelt, Sport treibt, kocht –, sodass Hörer:innen stärker Ablenkungen ausgesetzt sind. Im Print kann ein:e Autor:in eine entscheidende Wendung in einem einzigen Wort oder Satz platzieren und dabei auf die volle Aufmerksamkeit der Lesenden vertrauen. Im Audio wird dasselbe Mittel riskanter, weil die Hörenden es möglicherweise verpassen Infolgedessen erfordert das Erzählen im Audio oft eine klarere narrative Verankerung und eine zugänglichere Struktur.

Das beeinflusst auch, welche Arten von Inhalten im Audio gedeihen. Belletristik – insbesondere Genrebelletristik wie Thriller, Romance und erzählerisch getriebene Romane – funktioniert außerordentlich gut, weil sie unterbrochene Aufmerksamkeit toleriert und dennoch Immersion bietet. Dichte Sachbücher hingegen erfordern anhaltende Konzentration, die im Audiokontext schwerer aufrechtzuerhalten ist.

Der vielleicht tiefgreifendste Wandel vollzieht sich jedoch in der Entstehung von Inhalten. In reifen Audiobuchmärkten wie Schweden, wo Audiobücher 2024 rund 62 % der verkauften Bucheinheiten und 54 % der Belletristikumsätze ausmachten, schreiben Autor:innen zunehmend mit Audio im Hinterkopf. Komplexe Erzählstrukturen mit vielen Figuren oder abrupten Wechseln sind im Audio schwerer zu produzieren und zu folgen. Infolgedessen passen Autor:innen ihr Schreiben möglicherweise in Richtung größerer Klarheit und Kontinuität an. Wäre Gabriel García Márquez heute ein schwedischer Autor, hätte sein „Hundert Jahre Einsamkeit" wohl deutlich weniger Figuren.

Lokalisierung jenseits der Sprache: Märkte, Verpackung, Bescheidenheit

Was ist der beste Weg, Inhalte jenseits der Sprache zu lokalisieren?

Der beste Weg, Inhalte jenseits der Sprache zu lokalisieren, besteht darin, den Markt, den man betritt, wirklich zu verstehen. Mit zunehmend leistungsfähiger KI-Übersetzung – und -Vertonung – ist es sehr leicht, in die Falle zu tappen und zu glauben, dass es ausreicht, fremdsprachige Versionen seiner Titel zu veröffentlichen. Übersetzung, ob menschlich oder durch KI, ist jedoch nur eine Ebene der Lokalisierung. Erfolg hängt davon ab, ob der Inhalt mit den kulturellen und kommerziellen Erwartungen des jeweiligen Publikums übereinstimmt.

Das beginnt mit der Präsentation. Das Cover-Design, die Titelwahl und die Buchbeschreibung sind entscheidend. Dies sind oft die ersten Berührungspunkte mit Leser:innen, und sie müssen lokale Sensibilitäten widerspiegeln. Was in einem Land funktioniert, muss in einem anderen nicht ankommen, und die Anpassung dieser Elemente trägt dazu bei, dass das Buch sich einheimisch anfühlt statt importiert.

Ebenso wichtig ist es, das Ökosystem zu verstehen: wer die dominanten Händler und Plattformen sind, welche Genres gut funktionieren und wie Zielgruppen Inhalte entdecken. Jeder Markt hat seine eigene Dynamik und seine eigenen Erwartungen.

Im Kern geht es beim Publizieren darum, die richtigen Bücher mit den richtigen Leser:innen zu verbinden. Ein guter Verlag findet Bücher für seine Leser:innen – nicht Leser:innen für seine Bücher. Im internationalen Kontext bedeutet das, die Zielgruppe zuerst zu verstehen, und erst dann zu entscheiden, welche Titel veröffentlicht werden sollen.

 

Welche kulturellen Fallstricke unterschätzen Verlage manchmal bei der Internationalisierung?

Einer der wichtigsten kulturellen Fallstricke, den Verlage bei der Internationalisierung unterschätzen, ist die Annahme, dass andere Märkte genauso funktionieren wie der eigene. Während globale Bestseller gut reisen, bleiben kulturelle Unterschiede tiefgreifend.

Die meisten Verlage exportieren Midlist-Titel oder kulturell spezifische Werke, und der Erfolg hängt stark vom lokalen Kontext ab. Kleinere Märkte neigen dazu, globale Trends aus der Notwendigkeit heraus zu verstehen, während größere Märkte die Bedeutung der Anpassung an kleinere oder ausländische Märkte unterschätzen können.

Erfolgreiche Internationalisierung erfordert Bescheidenheit. Jeder Markt hat seine eigene kulturelle Logik, und diese zu verstehen ist unerlässlich.

KI als Tür in beide Richtungen: Partnerschaften, Skalierung und zukünftige Führung

Wo liegen derzeit die größten Innovationsmöglichkeiten bei der Internationalisierung?

Ein Großteil der Diskussion über Innovation konzentriert sich darauf, wie KI-Übersetzung und KI-Vertonung es einfacher machen, Inhalte aus großen Sprachen in kleinere zu bringen. Das stimmt zwar, aber die wichtigste Chance liegt in der entgegengesetzten Richtung.

Zum ersten Mal können kleinere Verlage – aus Regionen wie dem Baltikum, dem Balkan oder Teilen Afrikas – ihre Inhalte realistischerweise in große globale Sprachen wie Englisch, Spanisch, Deutsch oder Französisch übertragen. Historisch gesehen war dies wirtschaftlich nicht realisierbar. KI senkt diese Hürde nun dramatisch.

Das schafft einen strukturellen Wandel. Zielgruppen in kleineren Märkten waren seit langem Inhalten aus dominanten Kulturen ausgesetzt, während Zielgruppen in größeren Märkten nur begrenzten Zugang zu Geschichten aus kleineren Sprachökosystemen hatten. KI ermöglicht es diesen Geschichten nun, nach außen zu reisen und Verlagen aus kleineren Märkten zu erlauben, globale Zielgruppen zu erreichen.

Eine weitere große Chance liegt in der Expansion nach Asien. Märkte wie China, Japan, Indien, Indonesien und die Philippinen stellen enorme und weitgehend unerschlossene Möglichkeiten für internationale Audioinhalte dar. Diese Märkte haben große Bevölkerungen und einen rasant wachsenden digitalen Konsum, und dennoch haben sich viele westliche Verlage noch nicht vollständig mit ihnen auseinandergesetzt.

 

Welche Kompetenzen benötigen Verlage für eine ganzheitliche internationale Strategie?

Verlage müssen verstehen, dass sich Märkte kulturell und im Verhalten unterscheiden. Das erfordert Reisen, direkte Auseinandersetzung sowie das Zuhören gegenüber lokalen Partnern und Zielgruppen.

Bescheidenheit ist unerlässlich. Verlage müssen mehr zuhören als sprechen und Strategien an lokale Gegebenheiten anpassen. Internationales Publizieren baut auf Beziehungen, kulturellem Bewusstsein und Neugier auf.

 

Wie sieht heute eine optimal funktionierende Partnerschaft zwischen einem digitalen Distributor und einem traditionellen Verlagshaus aus?

Eine optimal funktionierende Partnerschaft ruht auf zwei gleichermaßen wesentlichen Säulen: menschlicher Zusammenarbeit und technologischer Exzellenz.

Auf der menschlichen Seite sind starke Beziehungen, Kommunikation und gemeinsames strategisches Denken entscheidend. Distributoren und Verlage müssen aktiv miteinander in Kontakt treten – Veröffentlichungsstrategien besprechen, Chancen identifizieren, Performance analysieren und gemeinsam neue Ideen entwickeln. Publizieren bleibt ein kreatives und strategisches Geschäft, und Technologie kann Vertrauen, Dialog und gemeinsames strategisches Denken nicht ersetzen.

 

Gleichzeitig muss die technologische Infrastruktur reibungslos funktionieren. Content-Ingestion, Distribution und Reporting sollten effizient funktionieren und es Verlagen ermöglichen, global zu skalieren und zu operieren. Automatisierung und KI haben Geschwindigkeit und Effizienz dramatisch verbessert.

Aber Technologie allein reicht nicht aus. Selbst die fortschrittlichste Plattform kann strategische Beratung und menschliche Reaktionsfähigkeit nicht ersetzen. Umgekehrt können starke Beziehungen ohne effiziente Technologie nicht skalieren.

Die effektivsten Partnerschaften verbinden beides: starke menschliche Zusammenarbeit und leistungsstarke technologische Infrastruktur.

 

Über welche spezifischen Fähigkeiten oder Denkweisen müssen die nächste Generation von Medienführungskräften verfügen?

Eine der wichtigsten Fähigkeiten, die Medienführungskräfte entwickeln müssen, ist die Fähigkeit, KI effektiv und verantwortungsvoll zu verstehen und einzusetzen. Publizieren ist grundlegend eine sprachbasierte Branche, und KI wirkt sich direkt auf das Kernprodukt selbst aus.

KI verbessert Effizienz, Planung und Workflows – aber sie transformiert auch Übersetzung, Vertonung, Lektorat und Content-Erstellung. Das macht ihre Auswirkungen tiefgreifender als in vielen anderen Branchen.

Zukünftige Führungskräfte müssen sowohl technische Vertrautheit als auch strategisches Verständnis von KI entwickeln. Sie müssen sie in Workflows integrieren, sie nutzen, um internationale Reichweite auszubauen, und sie auf strategische und intelligente Weise einsetzen, um wettbewerbsfähig zu bleiben.

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  • Drache_Zollkontrolle_Soltau
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Du hast es bis hierhin geschafft. Wenn du eine kurze Pause brauchst, höre doch in unsere kleine Geschichte über das Reisen von Branchenevent zu Branchenevent. 

Gelesen von Theresa Soltau (Head of Account Management, DSP Accounts & Editorial GSA Zebralution GmbH), 

geschrieben und produziert von Peter Elter (Projektmanager, Teamkoordinator Zebralution GmbH, Head of Operations und Studiomanager buchfunk.studio Berlin)